Johnny

"Wie ein zweiter Geburtstag"

In ihrer Mutmachergeschichte erzählt Marline von ihrer Erkrankung, der Transplantation und ihrem Leben heute:

An einem Julimorgen im Jahre 2000 fühlt sich Marline komisch nach dem Aufstehen. Kurz danach bricht sie zusammen. Der Arzt überweist sie sofort in die Klinik. Die Untersuchungsergebnisse sind zunächst nicht eindeutig, doch nach einigen Tagen steht die Diagnose fest: Marline hat Leukämie. Zu dem Zeitpunkt ist sie sechs Jahre alt, steht kurz vor der Einschulung. „Ich habe als Kind gar nicht verstanden, was los ist“, erinnert sich Marline heute. „Es ist ja auch nicht einfach, das einem Kind zu erklären. Ich habe auch nicht vernommen, dass alle um mich herum traurig waren oder so.“

Es folgen Monate mit Chemotherapie und langen Krankenhausaufenthalten. Das kleine Mädchen macht alles tapfer mit. Auf der Station wird sie auch als kleiner Sonnenschein bezeichnet. „Eigentlich bin ich immer gerne im Krankenhaus gewesen. Alle dort waren immer so nett zu mir, es war eine schöne Atmosphäre. Außerdem gab es auf der Onkologie ein tolles Bastelzimmer und ich habe für mein Leben gern gebastelt“, erzählt Marline lachend. Trotz allem gibt es aber auch belastende Augenblicke: Immer wenn ein Kind verstirbt, brennt im Eingangsbereich der Onkologie eine Kerze. „Ich habe schon nachgefragt, wer es ist, ob ich das Kind kannte“, sagt sie. „Und man stellt sich natürlich auch die Frage, ob man nicht selber der Nächste sein wird – auch als Kind fragt man sich das.“ Es folgt ein weiterer Rückschlag: Die Chemotherapie bringt nicht den erhofften Erfolg, eine Knochenmarktransplantation ist für das Mädchen überlebenswichtig. Doch Marline hat Glück im Unglück. Nach Tagen und Wochen bangen Wartens kommt die erlösende Nachricht: Ihr drei Jahre älterer Bruder Dominik kommt als Spender in Frage.

Schon bald beginnen die Vorbereitungen. Marline hat große Angst. „Ich habe das aber niemandem gesagt – wie man als Kind halt so ist“, erzählt sie. Für ihren Bruder sei es eine Selbstverständlichkeit gewesen. Das Verhältnis zwischen den Beiden habe sich dadurch nicht verändert, es sei wie das anderer Geschwister auch. „Aber er war ja selbst auch noch ein Kind, gerade mal 9 Jahre alt.“ Am 27.02.2001 ist es soweit. Marline bekommt die lebensrettende Knochenmarktransplantation. „Es ist für mich ein ganz besonderer Tag. Meine Mutter und ich sagen immer, es ist wie ein zweiter Geburtstag.“ Jedes Jahr an diesem Tag schenkt sie ihrem Bruder eine Kleinigkeit oder schreibt ihm etwas. Das Datum hat sie sich außerdem auf den Rücken tätowiert, dazu den Spruch: „Erinnerungen, die das Herz berühren, gehen nie verloren.“

Die Transplantation verläuft erfolgreich. Zwar hat Marline immer wieder mit Nebenwirkungen zu kämpfen, doch insgesamt erholt sie sich gut. Vier Wochen vor den Sommerferien darf sie sogar endlich zur Schule gehen. Sie hat in der Krankenhausschule viel gelernt und kann mühelos zu ihrer Klasse aufschließen. Nach und nach kehrt immer mehr der Alltag ein. Anderthalb Jahre später, im Juni 2002, bekommt sie von wünschdirwas einen Herzenswunsch erfüllt: Ein Treffen mit der Schauspielerin Silvia Seidel. Marline kennt die Schauspielerin aus der Serie „Anna“, in der es um die junge Tänzerin Anna geht. Nach einem Unfall kann diese ihre Beine nicht mehr bewegen und ihr Traum, Balletttänzerin zu werden, scheint ausgeträumt zu sein, bis sie sich ins Leben zurückkämpft. „Ich habe diese Serie geliebt und wollte unbedingt die Schauspielerin kennenlernen. Wir waren zusammen im Münchener Zoo und sind da herumgelaufen und ich konnte sie alles Mögliche fragen. Das war total schön. Sie hat auch einen ganzen Korb voller Geschenke mitgebracht: Poster, Schallplatten, Bücher waren drin. Das war total nett“, erinnert sie sich.

Die Schauspielerin verbringt einige schöne Stunden mit ihrem kleinen Fan. Es sei so gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatte, außer dass Silvia Seidel nicht mehr ganz so ausgesehen habe wie in der Serie aus den 1980er Jahren. „Der Anfang war auch sehr lustig, weil wir uns nicht sofort gefunden haben. Wir haben an unterschiedlichen Eingängen aufeinander gewartet und als wir dann zu dem anderen Eingang losgelaufen sind, hatte Silvia die gleiche Idee. Und schon standen wir wieder an unterschiedlichen Eingängen. Aber dann hatten wir uns gefunden und alles lief super“, erzählt Marline lachend.

Während des Interviews fällt auf, wie frei Marline über ihre Erkrankung redet, immer wieder lacht sie: „Ich teile einfach gerne mit, was ich erlebt habe.“ Ob denn ihre Krankheit noch eine Rolle spiele im Alltag? „An sich eigentlich nicht“, sagt Marline. „Aber man erinnert sich doch immer wieder zurück, vor allem an den zwei Tagen im Jahr.“ Der eine Tag ist der Tag ihrer Transplantation, der andere, der Tag, an dem sie zur jährlichen Nachsorgeuntersuchung muss. Dann sind die Sorgen wieder da. „Ich bin immer total nervös, rede kaum, mag auch vorher nichts essen. Erst wenn die Ergebnisse da sind und alles gut ist, fällt die Aufregung ab.“ Marline achtet darauf, gesund zu leben: Sie raucht und trinkt nicht, ernährt sich gesund, vermeidet es, zu lange starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt zu sein. Es gehöre einfach zu ihrer Lebenseinstellung dazu, auf die Gesundheit zu achten.

Außerdem hat sie eine große Leidenschaft – das Reiten. Schon als Kind war sie gerne mit Pferden zusammen. „Der Bezug zu Pferden war bei mir schon immer etwas Besonderes. Man kann so gut abschalten beim Reiten. Das war auch nach der Krankheit ganz wichtig. Die Pferde und das Reiten waren ein großer Rückhalt“, erzählt sie. Mittlerweile hat sich Marline ihren großen Traum von einem eigenen Pferd erfüllt. Es sei eigentlich noch nicht geplant gewesen, aber dann habe es sich einfach ergeben. „Ich habe mich sofort in mein Pferd verliebt“, lacht sie. Außerdem hat sie einen weiteren Traum: Sie würde gerne Ärztin auf der Kinderonkologie werden. Momentan macht sie ihre Ausbildung zur Kauffrau für Gesundheitswesen zu Ende und hofft, danach noch Medizin studieren zu können. „Ich habe so tolle Erfahrungen gemacht auf der Station, man hat mir dort super geholfen und das möchte ich auch machen. Es erfüllt mich, wenn ich anderen helfen kann“, sagt sie. Einen Rat für andere Kinder und Jugendliche, die eine schwere Erkrankung durchmachen, hat sie auch: „Ich finde, dass die sozialen Kontakte sehr wichtig sind. Als ich zum Beispiel nicht in die Schule gehen konnte, war es schwierig für mich. Mir hat einfach der Kontakt zu anderen Kindern sehr gefehlt. Ich glaube, es ist einfacher, wenn man weiter am Leben teilnehmen kann.“

 

von Alexandra Streck

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